1668 Cairo - Deutsche Gemeinde
Opus1668, Bj 1912, Cairo-Evang. Kirche
| I.Manual C-a3 = 58 Töne ausgebaut bis a4=70 Töne | II.Manual Schwellwerk= 70 Töne | Pedal C-f' |
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1. Bourdon 16' 2. Prinzipal 8' 3. Konzertflöte 8' 4. Dolce 8' 5. Oktave 4' |
6. Viola di Gamba 8' 7. Lieblich Gedackt 8' 8. Vox coelestis 8' 9. Traversflöte 8' 10. Flautino 2' 11. Mixtur 2 2/3' 3-4fach 12. Oboe 8' |
13. Subbaß 16' 14. Gedacktbass 8' 15. Violon 8' |
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Fernwerk spielbar im I.Manual 16. Bourdon doux 8' 17. Gemshorn 4' 18. Vox humana 8' |
TV-Beitrag über Walcker in Kairo
in Cairo mit den Arbeiten begonnen
NEWs aus Cairo: eines unser schwierigsten Orgelprojekte hat seinen Anfang genommen. Die Hängebälgchen-Laden der Walcker-Orgel Opus 1668, Baujahr 1912, im gleichen Jahr wie die berühmte Schwester in Hamburg Michaelsikirche gefertigt, hat nach Zerstörungsmaßnahmen eines deutschen Organisten noch etwa 60% originale Substanz, die auf meine Initiative hin zu einem Erhaltungsprojekt geführt hat. An dessen Ende erhielten wir den Auftrag zur Restaurierung dieser Orgel, was durchaus noch einigen Kampf gekostet hat.
Je mehr man ins Detail nun geht, was in dieser Woche geschah, desto mehr sieht man allerdings wie schwierig diese Wiederherstellung zu meistern ist. Es werden mehrere schlaflose Nächte ins Tal der Könige hineindunkeln, bevor diese cleopitanische Königin wieder zu singen beginnt. Aber es ist eines der schönsten Abenteuer, die man heute als Europäer erleben kann. Allein die Taxifahrten innerhalb Cairos offenbaren eine menschliche Qualität, die wir kaum in Europa (Schottland sei ausdrücklich ausgenommen) noch finden kann.
Am Ende hat mich aber doch des Pharaos Rache erwischt, die lange Sitzungen an trostreichen Örtchen beschert - und das Nachdenken über die Königin zu fördern scheint.
Morgen am Samstag ist Rückflug aus 1001Nacht. Dann wird das arabische Märchen seceziert.
Auch hier auf unseren Internetseiten werden Bilder aus der Orgel gezeigt und eine ausführliche Darstellung dieses recht seltenen Windladentyps - der aber mehr als andere Ausstromsystme seine Berechtigung hat. Wer Michaeliskirche wieder auferstehen lassen will, kommt an den Hängebälgchen nicht herum.
Zollkontrolle!
... aus welcher Al-Quaida-Zelle stammen Sie denn her?" - soll ein Orgelbauer am Frankfurter Flughafen nach Rückflug mit einer Egyptair-Maschine befragt worden sein, während man seinen Koffer inspizierte und seltsam durchbohrte und verformte Brettteile, Gewindestäbchen und auch Lederblättchen fand. Alles dazu angetan gewaltige Holzbomben damit zu zünden.
Da gab es natürlich nur eine klare und deutliche Antwort, nämlich, dass man restlichen Teile einer deutsch singenden Nofretete sichergestellt und heim ins Reich geführt habe, und die es nun gilt sorgsam mit der in Berlin ansässigen Büste abzugleichen.
Wie allgemein bekannt, so sind die Ägypter schwer dahinter her, den Deutschen diese ominöse Büste wieder abzuluchsen, weil es sich um historisches, ägyptisches Material handelt. Andererseits wird von den koptischen Christen vehement bestritten, dass die erst seit 760 ansässigen Mohammedaner in Ägypten irgendetwas mit der ägyptischen Hochkultur zu tun haben. Sondern sie selbst (die Kopten), seien direkte Nachfolger dieser ägyptischen Antike. Eine Auseinandersetzung, die anhält und für gegenwärtige Spannungen sorgt. Man sollte allerdings die teils extrem liberale Einstellung der Muslimbrüderschaft zur Kenntnis nehmen, die sich, wie übrigens 98% der gesamten ägyptischen Bevölkerung, deutlich von allen extremen religiösen Elementen distanziert, um die Vorgänge in Ägypten richtig verstehen zu können. Es gibt nämlich neben den Salafisten, die keinerlei Rückhalt im Volk haben, ebenso extreme Fundamentalisten bei den Kopten. Und da werden immer wieder mal die Fetzen fliegen. (Dafür haben wir unsere Bild-Leser und Fußballfans)
Die ägyptischen Araber sind ein sehr angenehmer Menschenschlag, mit denen man gerne zu tun hat, und von denen der Westler keine Gefahr zu erwarten hat.
Ich bin mehr und mehr angenehm von Cairo und seiner buntgemischten Bevölkerung angetan.
Wenn sich aber Cairo in Kairos wandelt, oder dass diese Stadt die Möglichkeit dafür bietet sich als Gegensatz von Chronos darzustellen, dann könnte man von einer Erfüllung reden. Vielleicht sogar von einer Mythe, einer Sage, die den Ort stellt, außerhalb der Zeit den Augenblick finden, der eine Wahl zwischen Glauben und Unglauben bereitstellt. Etwas Ungeheuerliches das Jenseits von Gut und Böse liegen muss.
(gwm, wieder heim ins Reich gekehrt, zwischen Mannheim und Saarbrücken "Wolfgang Benz-Der Holocaust" gelesen: da werden andere Völker noch ein paar Grade sympathischer)
aus Kairo
Trotz Reisechaos auf deutschen Flughäfen gut gelandet. Heute (21.12.) morgen um 7Uhr mit dem Schlafwagen aus München in Saarbrücken eingetrudelt. Nochmal eine Extraprise "Abenteuer" geschnuppert, nachdem man den Flieger nach Ffm in Kairo verpasst hatte (es waren bereits drei Kontrollpolizisten am Flughafen reichlich mit Bakschisch bedacht worden, als uns klar wurde, dass der Flieger nach Frankfurt, der in Stuttgart landen musste, nicht mehr erreicht werden konnte) was uns die Gelegenheit gab, ausführlich ins Sicherheitssystem des Kairoer Flughafens Einblicke zu nehmen. Da war als letzte Gelegenheit nach München auszuweichen. Never mind. Nun heisst es die kommenden acht Tage "Projekt Cairo" und viele andere große und kleine Anfragen abzuarbeiten, um wieder am 3.1.11 in die "Ewige" zurückzukehren. Es werden außerdem weitere hochinteressante Walcker-Orgeln vorgestellt, die noch nicht das Licht unserer Seiten gesehen haben. Auch über die Feiertage lohnt es sich, ab und an hier reinzuschauen.
Mit dem Taxi in die Wüste und zurück, soll unsere nächstes Erlebnis hier in Ägypten sein, nachdem man gestern nach dem ausgiebig diskutierten Vortrag über die Walcker-Orgel in der Deutschen Evangelischen Kirche mit dem deutschen Botschafter, dem Pfarrer und weiteren Teilnehmern aus ARD und der deutschen Oberschule sowie Mitgliedern des Kirchenrates diskutierte. Ein schönes Mittagessen im Schweizer Club rundete den sonnigen Nachmittag ab. Dann aber gings richtig los, mit dem Taxi quer durch Kairo, das einem Tanz auf des Teufels Schwanz gleich kam. In den nächsten vier Stunden aber wird der Schreiber eintauchen in die Tiefen der ägyptischen Kultur, nämlich ins weltberühmte ägyptische Museum, nur wenige hundert Meter von unserer Heimstatt entfernt, downtown Cairo, wo man aber auch wieder des traumhaften Verkehrs wegen nur mit dem Taxi hingelangen kann....
Opus 1668 - die Walcker-Orgel in der Deutschen Evangelischen Kirche in Kairo - eine Verirrung
Das Instrument war von einzelnen Pfeifen und der zerstörten Pneumatik abgesehen bis 2003 wenigsten soweit erhalten, dass man eine ganz normale Restaurierung der Orgel hätte angehen können. Dann kamen deutsche Bastel-Rentner ins Spiel, die der Orgel den endgültigen Todesstoß versetzten indem man, so höre man und staune, anstelle den Hängebälgchen, Magnete in die Registerkanzelle einbauen sollte. Eine qualitativ und ideenarme Geschichte, welche mit systemwidriger Technik die eigentliche Probleme konterkariert und die so barbarisch durchgeführt wurde, dass nun, das gesamte Restpfeifenmaterial des Hauptwerks zusammen geschlagen wurde. Der Spieltisch wurde in karikativer Weise verhunzt, das komplett, weil schwer zugängige Fernwerk, wurde in das Untergehäuse der Hauptorgel gestellt. Nur wenige Akkorde waren spielbar bevor das letzte Japsen der Orgel die Qualen einer Gekeuzigten: "Herr vergib Ihnen.." in der Kirche verklangen. Nun, das bevorstehende 100 jährige Jubiläum steht vor der Tür, ist guter Rat teuer.
Haben wir eine 10seitige Dokumentation erstellt, die unter OPUS/1668 von zugelassenen Usern heruntergeladen werden kann. Auf diesen Seiten hat sich auch in den letzten Monaten einiges getan, weil ich hier schwerpunktmässig für Interessenten Material aufbereite, das nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Die Seiten können nur mit eigenem Passwort aufgesucht werden. Langfristig arbeiten mein Sohn Andreas und ich daran, die komplette Walcker-Sammlung an Büchern und Prospekten in Form von E-Books herauszugeben. Hier werden sich in 4-6 Monaten erste Resultate zeigen.
Walcker-Orgel in Cairo - Diashow
Cairo - Grundriss
Faltenkanaele im Visier
Faltenkanäle sind in Orgeln mit Magazinbälgen zumindest bei Walcker bis etwa 1914 unumgänglich. Ein paar Absätze weiter unten sehen wir auf dem Foto von 1902 wie stolz die Mitarbeiter die großen Faltenkanäle präsentieren.
Was aber tun, wenn diese Faltenkanäle nicht mehr da sind? Weil vielleicht irgendein Tagdieb dachte, damit könnte man Zieharmonika spielen. Oder man hat zur Belustigung weitgereister Orgelbauer "Ledersäcke" anstelle der Faltenkanäle angehängt, weil man nicht in der Lage war, diese Falten nach berüchtigtem Siebenjahrzehnt neu zu beledern, die wie getretene Luftballons und nie dicht zu kriegen, ihre seltsamen Bewegungen unter der Windlade machten.
Nun, dann bleibt nichts anderes mehr zu tun, als diese Zieharmonikafalten neu zu fabrizieren. Mit einer speziellen Methode, über die man über Fotografien millimetergenaue Maße rekonstruieren kann und die direkt diese Daten ins CAD-System synchronisiert, ist es uns gelungen, auch die Bewegung der Falten zu simulieren.
Denn solche einfachen Sachen, wie diese Bälge, darüber gab es bei Walcker keinerlei Aufzeichnungen. Die Windladen mit Schnitt 1:1 hat der Windladenmacher in der Werkstatt aufgezeichnet. Wahrscheinlich hat er dabei dem Lehrling zugerufen:" hier brauchen wir zwei Faltenkanäle, einen mit vier und einen weiteren mit 5 Doppelfalten - oder man hat sie einfach aus dem Regal genommen. Und am nächsten Tag wurden diese seltsamen Teile an den Doppelfaltenbalg montiert.
Später erst hat man diese Sache rationalisiert und feste Kanäle an den Balg-und Windladenenden verwendet, die aber nicht mehr so windgünstig aus der Mitte des Balges ins Zentrum der Lade geblasen haben. (gwm)
Faltenkanäle
heute in Stuttgarter Zeitung und Südwestpresse
Kairo -Tagebuch 01
Wir kommen am Sonntag gegen 23Uhr am Cairo-Airport an. Am Tag, als die 25 Tote nach einer Demo der Kopten gezählt wurden. Der Flughafen war zeitweise gesperrt. Grund für unsere 3stündige Verspätung. Nach Pass- und Zollkontrolle das alte Ritual der beamteten Taxibeschaffung. Der Fahrer weiß Bescheid, sagt man uns. Aber wir wissen, dass er keine Ahnung hat und dass es weitere zwei Stunden dauert, bis wir im Bett liegen.
Schlaflos bis in den frühen Morgen, als Matar auf den Handy anrief und verärgert nach unserem Erscheinen in der Kirche drängt. Also nehmen wir wieder ein Taxi, haben diesmal eine glücklichere Hand. In 15 Minuten sind wir da.
Sahib und Ali sind unsere Helfer. Kein Wort englisch, geschweige denn deutsch. Beide übernachten in der Küche, die wir zur Werkstatt umfunktionieren. Bald sind Windladenteile, Holzpfeifen, Bälge in die untere Etage der Deutschen Kirche transportiert und wir können beginnen diese Teile vom gröbsten 100jährigen Dreck zu befreien. Unsere Gesichtsfarben gleichen sich den Ägyptern an, dunkler und dunkler werdend. Zum Frühstück geht's mit bereits erheblich verdreckten Klamotten ins Ramses Hilton, wo Cappuccino und Hörnchen unter riesigen Palmettensäulen in Pappbecher gereicht werden. Unter der Aufsicht von vier Bediensteten, die uns argwöhnisch beäugen aber sehr zuvorkommend behandeln.
Bald wird das Orgelgehäuse aufgehebelt, der Magazinbalg, der ins Gestell der Orgel eingelassen ist, wird befreit und in die Werkstatt geschafft. Die Windlade des Schwellwerks kann endlich hochgebockt werden und aufs Orgelpodium zur weiteren Behandlung gestellt werden.
Von der deutschen Botschaft erhalten wir Bescheid, dass unsere 6 Kisten am Sonntag aus Bonn angeliefert werden.
Mittags gehen wir parallel zum 6-7 spurigen Chaosverkehr auf der Ramses-Street ins "Grazie" wo ganz manierliche Spaghetti und Minestrone serviert werden; eine deutsche Flagge wird am Tisch montiert und der Kellner spricht perfektes Allemanisch mit Stuttgarter Slang.
Abends Marsch in die Wohnung in der Nubar-Street durch ein Dickicht aus Basartreiben, Wahnsinnsverkehr und nervösen Ägyptern, denen Hitze und Politik in die Köpfe gestiegen ist. Ein verkehrsregelnder Polizist wird angefahren und brüllt minutenlang auf den Fahrer ein. Auf der Sherifstreet, direkt hinter dem Grandhotel haben es sich einige Leute mit Betten und Stühlen für die Nacht gemütlich gemacht und wir sehen sie morgens frisch ausgeruht die Hände für Bakschisch ausstrecken. Wir gehen so täglich rund 4 km quer durch Kairo - und haben dabei Erlebnisse, die verdichtet und potenziert in keiner europäischen Stadt je gesehen werden könnten.
Matyba sagt, es ist sehr viel Interesse an dem Orgelprojekt aus allen Teilen der Bevölkerung. Der Fraktionsboss der CDU Kauder wird zur Einweihung kommen.
Anruf vom ARD-Kairo, sie stehen vor der verschlossenen Tür der Kirche, haben gerade etwas Zeit und wollen erste Dreheinstellungen an der Orgel vornehmen. Ich lieg mit Kairo-Fieber im Bett, die anderen sind mit Sherif unterwegs. Wir verabreden uns auf Samstag. Sonntag ist Wochenarbeitsbeginn.
Alexander holt Rattengift und Comtrex gegen Fieber aus der Apotheke.
Abends, nachts , morgens, drei oder viermal die Rufe des Muezzin, wie mir scheint auf Tonband gesichert, singt seine markerschütternden Gebete mir direkt ins Ohr. Noch das angenehmste Geräusch gegen all den Nachtlärm, der Ruhe selbst in kleinsten Dosen nicht zulassen will. Die Temperaturen von 32 bis 38 Grad tagsüber gehen nachts etwas zurück, aber nicht so, dass man ohne Gebläse oder Klima im Schlafzimmer auskommen könnte. Auf unserer schönen Veranda fangen dann, wenn es dunkel wird die Ratten zu tanzen an. Heri hat böse Attacken geplant. Ich rate ihm ab, mit Gewehren auf die Tiere zu schiessen, das hat hier schlechten Geschmack.
Ja, wenn es Nacht wird in Kairo, dann blühen böse Gespenster auf in - und außerhalb der Mauern. Und hier ist halt alles ein paar Grade intensiver, auch die Träume. (gerhard@walcker.com) 13.10.11
Kairo Tagebuch02
Am Grande Nile Tower saßen wir und weinten: ob der vielen traurigen Geschichten der Taxifahrer, die, so sagt es die Legende, sich hier in Kairo in den verschiedenen Gerüchen niedergeschlagen haben.
Der Eine erzählte uns nach dem Tod Gaddafis umgehend zurück nach Lybia zu kehren, der Andere erläuterte dezidiert, während einer höllischen Kamikazefahrt auf den Straßen Kairos, bei der es allen speiübel wurde, die wichtigen Kirchen und Moscheen der Stadt mit Namen, Baujahr und Stilistik, die er uns gelegentlich zu zeigen bereit ist.
Das Benzin kostet per litre sein 25 Eurocent, und kaum einer kümmert sich weder beim Strom, Abfall, Gas- und Spritverbrauch um Ökonomie. Abfall landet auf der Straße, so wie unsere Jugend in den Randstein spuckt, wirft man hier seinen Sack. Jeden Abend klingelt ein anderer Ägypter an unserer Haustür um seine 5 Pfund für irgendeine Abgabe zu holen. Kein Mensch weiß für was, aber wir wissen, dass es honoren Zweck erfüllt. Manchmal kommt einer, der will 80 Pfund, da fragt man nach.
Die Ratten sind weg. Hörte irgendeiner sagen, dass sie mit den Deutschen nichts zu tun haben wollen. Die Nächte sind etwas kühler geworden, tagsüber noch immer ausnahmslos blanker Sonnenschein.
Der höllische Verkehr, bei dem besonders das Überqueren von 8-12 spurigen Highways ein ausgezeichneter Frühsport für ausgeruhte Orgeleuropäer bedeutete, da hat uns vor kurzem ein Ägypter eine gnadenlose Lehre in bezeichneter Überquerungsdisziplin erteilt. Als er nämlich mit seiner zwölfköpfigen Ziegenherde eine solche vielbefahrene Highway in Eselsgeduld überquerte, auch die Ziegen mit eiserner Einstellung: jetzt erst mal wir. Da lernt man ganz neues Staunen.
Das ARD-Team von dem es hier ein, zwei Bilder gibt; alte, hartgesottene KairoVeteranen, die haben schon zehn Minuten nachdem sie unseren "Kampf mit der Orgel " gesehen haben, laut aufgeschrieen: "das schafft ihr nie, hier in Kairo!" Natürlich in der fehlerhaften Annahme, wir kämen aus wohlbehüteten Kleingärtnerorgelbäuerchen, wo brav und fromm gesalbte Bretter von Hand zu Hand gereicht werden. Nicht wissend, dass wir bereits einige Mutproben wie 18 Monate Bukarest und 10 Monate Rom hinter uns gelassen haben. Nun dazu kommt, dass kaum einer der hierher kommandierten Orgelbauer seit Bukarest irgendwann einmal ein paar Tage Urlaub genossen hätte. Das braucht man in der freien Wildbahn nicht, da regelt die Natur das anders. Da können die ARD-Leute gerne laut von Ihren Überstunden erzählen, wer hier eine 40stundenWoche Orgelbau hinter sich gebracht hat, der braucht ein paar Stunden am Fuße des Grande Nile-Towers, wo sanfter Wind vom Nil ihm über die Nase streicht, ein paar Boote lautlos nach Norden ziehen, und am Ende des Tages der glühende Planet hinter Zamalek in der Wüste versinkt.
Dann werfen wir mit zittriger Hand die Angel aus und fragen wie der Fischer aus unserem Notizblock: was hat die Woche wohl gebracht, und angeln und angeln.
Schade, dass man heute - 200.Geburtstag von Franz Liszt - dessen Ururenkelin Nike Wagner in Weimar reden lässt: nie würde sie zugeben, dass Richard Wagner ohne Liszt undenkbar wäre, ein musikalischer Zwerg geworden wäre, wenn überhaupt. Nur Nietzsche wußte das, und dies sehr früh. Und was erst verdanken wir Orgler Liszt? Katholische Orgelmusik und Reubke!
(gerhard@walcker.com 22.10.2011)
Kairo-Tagebuch03
Nicht schlecht gestaunt haben wir, als vom 5.Stock eines Hauses neben unserer Wohnung Steinbrocken auf Straße und Gehweg spritzten, weil der Verandabesitzer sich seiner Pflanzen erinnerte, denen er mehr Sonnenlicht einräumen wollte und dazu die steinerne Bedachung zu entfernen trachtete. Mit Steinbeitel und Hammer, man sollte dies den Ägyptern als Handwerkszeug ins Wappen treiben, werden hier feinste Feinarbeiten durchgeführt.
Aber auch Landwirtschaft hat mitten in Kairo seinen Platz: nur 200m vor dem Hilton, Downtown Cairo, hat sich seit einer Woche eine 8köpfige Ziegenherde mit 5 Kühen gemütlich eingerichtet, die unseren Gehweg zur Mittagspause duftend bereichern.
Ein Polizist hat uns heute beim Überqueren der Corniche al-Nil geholfen. Er nickte uns zu, sperrte den unüberwindbaren Dauerstrom an brausenden Fahrzeugen, so dass wir unbehelligt ins Grand Hyatt Hotel gelangen konnten, wo Burger und ein exzellenter Cappuccino auf uns warteten und im Übrigen der beste Rundblick um die Stadt im 38.sten Stock besehen werden konnte. Auch beim Rückmarsch erkannte er uns wieder, nickte, trat auf die Straße und ließ uns passieren.
Es war wie im Alten Testament, wo Moses den Nil teilte, um das auserwählte Völkchen zum Heimgang zu geleiten.
Ein schönes Beispiel ägyptischer Findigkeit erzählte uns die Fremdenführerin Yousria. Als sie nämlich ihren Führerschein kaufend erwarb, legte sie die Visitenkarte eines Polizisten dazu und läppische 300 Pfund, was gerade mal 35 Euro sind - und fertig war die Fahrerlaubnis. So kann man sich das Zustandekommens dieses cairoianischen Verkehrs besser ausmalen. Mir war ohnehin völlig unklar, wie die vielen Analphabeten an Taxifahrer auf andere Weise an eine solche Fahrerlaubnis gelangen konnten.
Eingebürgert hat sich in unserer Wohnung nun 2x täglich eine Mango Frucht zu metzgen, eine schlagkräftige Masse an Citrusfrüchten wird zu Fruchtsaft verwandelt und zu unserer Stammzelle wurde das italienische Grazie geweiht, weil man den arabischen Restaurants doch nicht das ganze Vertrauen aussprechen wollte.
Mit der Orgel klappt derzeit alles bestens. Der Tag der Kernschmelze ist allerdings noch fern, nämlich dann, wenn sich die gefertigten Materialien den Funktionsprozessen beugen müssen. Ich hoffe nur, dass wir bis dahin nicht den arabischen Feinmechaniker Lehrgang mit Auszeichnung (doppelter Fäustel mit Wasserbüffelhorn) gewonnen haben.
Nachdem man einen ägyptischen Blogger erst vor wenigen Tagen in seiner Zelle zu Tode gefoltert hat, es waren am vergangenen Freitag Demonstrationen wegen dieses Vorgangs am Tahrir-Platz, wovon nun unsere Presse nicht mehr so viel Notiz nimmt, weil man dem Völkchen der Libyer mit gerade mal 6 Millionen Einwohner wesentlich mehr Interesse und populärer Showeffekt entgegenbringt, als den 80 Millionen Ägyptern. Denn Öl haben die Letzteren keines und das mit der Sonnenenergie wird frühestens in 30 Jahren Interesse auslösen. (gwm 29.Okt.11 in Kairo)
Tagebuch01
Tagebuch02
Kairo Tagebuch 04
Abraham, warum hast du anstelle Isaaks nur eine Ziege geschlachtet? Schock auf der Heimfahrt: auf der Highway liegen mehrere Mopeds, ein Mann hält ein Kind im Arm und schreit weinend. Ein Unfall wie er hier wohl tausendfach am Tag stattfindet. Wie war dieser Tag heute symbolisch aufgeladen, Isaak auf dem Highway. Wir kommen von einem Essen bei M. auf einer Mango-Plantage außerhalb Kairos. Die kommende Wahl wurde angesprochen. Der Muslim und Ägypter ist skeptisch, rechnet mit 30-40% Islamisten. Er sagt 80% der Bevölkerung hier sind Analphabeten. Schulpflicht gibt es, 6 Jahre oder so, aber die lernen dort nichts, da wird der Koran vorgebetet. Physik: Koran lesen, English: Koran lesen, Arabisch: Koran lesen, Chemie: Koran lesen. Vor der Wahl machen die Prediger die Leute noch ganz meschugge: entweder ihr wählt Islam oder ihr kommt ins Feuer, und dann haben sie Angst und wählen. Blankes Mittelalter. Immer dort, wo das Jenseits hochgehalten wird, hat man die Ausreden, dem Diesseits keine Verantwortung zukommen lassen zu müssen. Ein ganz wichtiger Grund, warum auf der Welt der Kohlendioxidausstoß nach einer vorübergehenden Absenkung wieder drastisch zugenommen hat: 35 Milliarden Tonnen CO2! Weil das Hier und Jetzt doch nicht wichtiger sein kann als das Reich Gottes. Doch hier in Kairo wäre das Mittelalter auch ohne Klimakatastrophe omnipräsent. Auf der Hinfahrt sehen wir am Rande der Straße nacheinander, wie in Zeitlupe, drei Ziegenschlachtungen vor dem Hintergrund bitterster Armut und Hoffnungslosigkeit. Der Reifen platzt. Wir steigen aus und sehen uns um. Links verläuft ein Nebenflüsslein des Nils, voll mit Müll, stinkend, abstoßend. Es kommen drei LKWs um die Kurve, beladen mit dunklen Säcken. Sie verlieren bei jedem Schlenker, den sie machen ein paar Müllsäcke, die auf die Straße platzen, die von Vögeln und anderen Tieren gierig in Beschlag genommen werden. Jeder Grashalm am Straßenrand ist mit Papier, Plastik oder alten Essensresten garniert.
Bald jeden Abend prügelt sich die Jugend auf unserer Straße, feiert bis morgens um drei Uhr Hupkonzerte oder grölt ohne Unterlass wie es bei uns in Saufdiskotheken an den Wochenenden abgeht. Aber hier wird nicht gesoffen. Pumpen, Schreien, Hiltimaschinen feiern ihr Fest "till dawn", ohne, dass sich je ein Nachbar über den anderen beschweren würde. Nur beim Einparken gehen sie sich an die Gurgel, besonders dann, wenn vorher eine Ziege gemetzgert wurde.
Das Mittelalter der Stadt wird konterkariert dadurch, dass man gut und gerne die Technik des 20.Jahrhunderts anwendet, besonders die ausrangierte Automobiltechnik aus Europa. Im Herzen sind die meisten Menschen in Kairo Menschen der Zeit als Mohammed predigte und bei uns Kaiser Karls Krone geflochten wurde. Ob man nun einen Kamelknochen vor der Haustüre liegen hat oder einen ausrangierten PKW-Reifen, das macht das Bild nicht tröstlicher. Aufklärung und Humanismus sind in Kairo unbekannte Gesellen, die man mißtrauisch abwatschen würde. Alle Form von Liberalität und Toleranz wird hier erstmal als Schwäche interpretiert.
Aber warum Abraham die Ziege geschlachtet hat, anstelle des Menschenopfers, was allgemein als Sprung in die Zivilisation bezeichnet werden könnte, wäre da nicht diese Wehmut, die sensible Gestalten überfällt, wenn sie in das tote Auge der Ziege blicken, das fragend sich schließt: das also ist eure Zivilisation? Die Anwort auf diese Frage sei hier ausgespart. (gwm, Klappstuhl-Metaphysikant, der mehr und mehr von den Weltreligionen enttäuscht zu werden verspricht, 5.11.11)
Tagebuch01
Tagebuch02
Tagebuch03
zwei Würmlinge in der Orgel entdeckt...
Neuigkeiten aus Kairo
Wir sind hier momentan an drei verschiedenen Teilen gleichzeitig beschäftigt:
a) am Doppelfaltenbalg, der direkt vom Motor angesteuert wird und Schwellwerk mit Wind versorgt. Daneben gibt er Wind an den Balg für Pedal und Hauptwerk und fürs Fernwerk. Dieser Balg wird in unserer Küchenwerkstatt momentan neu beledert und soll dann Anfang kommende Woche wieder eingebaut werden.
b) am Spieltisch werden die Tasten der beiden Manuale gerichtet und mit Kontakten bestückt. Das Ganze wird verkabelt und an Weikersheimersche Elektromechanik vernudelt.
c) die Schwellwerkwindlade, die gerade mit Blaupapier belegt und mit Moltonstreifen bestückt wurde. Nun werden die neu gefertigten Unterbretter dort angepasst, später werden die neuen Hängebälgchen eingebaut, dann kommen die elektromech. Relais. Wenn diese feinen Gesellen verkabelt sind, sollte erstes Orgelspiel möglich sein.
Unser jetziger Stand der Arbeiten kann an der nachfolgenden Bildershow gesehen werden.
Für besonders gut geschulte Augen: an den Tasten der Manuale befindet sich keinerlei Federmechanik, nur die bei Pneumatik üblichen Tastengewichte. Dies ergibt eine hervorragende Spielweise, die weitaus besser ist als aller us-Quatsch, wie Druckpunktfedern o.a.. Wer das einmal kapiert hat, der bekommt auch bei elektrischen Trakturen tragbares, gutes Spielgefühl.
d) "Mahmut und der cairoanische Zimmermannsknoten", eine Story in 5 Bildern beschreibt die Gefahren der Berufsgenossenschaften in der ägyptischen Metropole (siehe zwei Teile weiter unten)
Kairo Tagebuch05
Tag des Opfertiers: schlecht nur, wenn es der Orgelbauer ist, der des Nachts geschlachtet wird, weil er den umgebenen Lärmterror nicht mehr standhält. Mehrere Nächte kein Schlaf gefunden, weil die 90% arbeitslosen Jugendlichen ab 24 Uhr munter werden und dann mit ihren Mopeds und Rollern die Runden um den Block drehen, mit viel Gehupe, Trallala und al-jiil-Rhythmen. So gegen 4 Uhr ist der Spaß dann vorbei und Haschisch-und Alkoholleichen beginnen ihre schwermütige Rede, vergleichbar unseren Bundestagsabgeordneten, und da in arabisch gehalten ohnehin schwer verständlich. In jedem Fall geht es um die Finanzkrise, im eigenen, nicht vorhandenen Geldbeutel, im schwarzen Loch, das den letzten Schein zu Allah aufsteigen liess. Als Orgelbauer steht man bis gegen 4Uhr30 teils senkrecht im Bett und freut sich auf den Muezzin, der dann bald so gegen 5Uhr30 vom 10 Meter entfernten Minarett seinen Tonbandaufruf startet und zum "as-salat" ruft, zum Gebet.Nur noch "waterboarding" hinterläßt schärfere Spuren im übrig gebliebenen Rest, den man Seele nennen könnte.
Wie schön ist da doch die Vorstellung von einer total verinnerlichten Religiosität, die nie das Bedürfnis hat, dem anderen das Gebet zu zeigen, sondern das seine Zwiesprache mit Gott auf das "Zweigespräch" beschränkt. Wie liebe ich die Mystiker, die man überhaupt nicht wahrnimmt, weil sie so still sind.
In der Zwischenzeit fahren wir mit der U-Bahn von "Saad Zaghloul" über "Sadat" zu "Nasser". Zwei Stationen weiter wäre "Mubarak", der Name wurde gekippt. In den Plänen gibt es ihn noch während "Mubarak" in den Zügen nicht mehr präsent ist. Dafür aber gibt es Abteile, die nur für Frauen sind. Unser Helfer meint, es sei nicht ratsam dort einzusteigen, "die stinken".
Vor zwei Tagen, es war der Tag des großen Schlachtens, und seit diesem Tag habe ich keinen einzigen lebendigen Hammel oder Schafskopf mehr in Kairo gesehen, kamen wir vom dritten Stock die Treppe herunter in den Eingangsvorraum unseres Hauses und sahen, wie dort gerade, morgens um 7Uhr30, ein solches Hammelvieh vom Hausmeister, seiner Frau und einem weiterem Killerkommando geschlachtet wurde. Vor dem Ausgang eine zwei Meter lange Blutlache. Schön und besonders appetitlich in Plastikeimer verfüllt, die Innereien, wie Darm, Milz, Leber, Herz und Hirn. Es war so gemütlich anzuschaun, dass meine vier Toastbrote im eigenen Inneren zu vibrieren anfingen und ebenfalls das Bedürfnis hatten, nach außen vorzudringen. Das konnte allerdings mit entschiedenen Schritten durch die rote Lache verhindert werden. Der Blut-und Darmgeruch des verendeten Tieres schwebt mir noch heute in der Nase herum und wird wohl die Ursache sein, dass ich nie mehr im Leben ein Stück Fleisch zu mir nehmen werde.
Ohh........, welche Offenbarung war es da, am späten Nachmittag unseren "Spaghetti" in wohlbehüteter Einsamkeit anzutreffen. Wir sind, so glaube ich, die einzigen Gäste seit vier Wochen in der Mittagszeit, um dort "italienischen Salat" mit "Pizza Margherita" einnehmen zu dürfen, jenseits aller Opferriten, das war an diesem Tag fast schon eine Form der Transzendenz.
ein von Schlaflosigkeit gezeichneter, wirr daher redender, wild gestikulierender , vom Opferfest geheilter.......... 10.11.11 und morgen dreimal die Einzahl, wenn das nicht auch wieder Religion ist?
Tagebuch01
Tagebuch02
Tagebuch03
Tagebuch04
Dias zum Tagebuch Kairo 1-3
Bilder aus Kairo
Kairo Tagebuch (6)
doch nur Plastik....
bei unserer 141gsten Taxifahrt von Cairo-Bulak nach Zamalek, der europäisierten Nil Insel, die im Norden aus dem Stadtteil Zamalek und im Süden aus Gazira besteht, abends gegen 17:30, haben wir wohl kaum die Hoffnung die 4km schneller als in 30 Minuten zu erreichen. Aber wer hat wohl nach einem solchem Arbeitstag noch die Kraft, das Ding abzulaufen. Wir stecken also wie gehabt im totalen Stau auf der 26thJuly-Bridge, als bei geringfügiger Bewegung des Verkehrs plötzlich ein Van auf einen PKW drauf knallt. Dessen Fahrer brüllt wütend aus dem offenen Fenster, ohne Anstalten zu machen den Wagen überhaupt zu verlassen. Daraufhin eröffnet der Van-Fahrer das Feuer, sprich die sprichwörtliche arabische automobiliske Wortattacke, woraufhin unser Taxidriver und unser ägyptischer Geschäftsfreund in heftiges Lachen ausbrechen. Der Unfallverursacher meinte, "es sei ja doch nur Plastik...". Nach zwei Minuten Verbalinjurien ist man sich einig und geht seines Weges, sprich, man steht weiterhin im unauflösbaren Stau auf der Brücke, ohne dem Vorfall weitere Aufmerksamkeit zu schenken.
Der Leiterklau aus dem Gelände der Evang. Deutschen Kirche hat ungeheure Wirkungen verursacht. Man denke nur, dass der kairoanische Oberinspektor Marek sich dreimal am Tatort eingefunden hat, um die Zugangsmöglichkeiten zu den Leitern zu erkundigen. Daraufhin wurde der aus Gitterstäben bestehende Zaun ums Kirchengelände mit diebstahlerschwerden Eisenstäben frisch geschweißt. Das 20A-Schweissgerät wurde dabei so an die Stromversorgung angeschlossen, dass man ganz auf einen Stecker verzichten konnte , indem man die blanken Drähte in die Steckdose eingeführt hat. Einfach eine klasse, ökonomische Idee, die besonders der Putzfrau gut gefallen hätte, wenn sie, wie hier in Kairo üblich, einen schönen Schmutzeimer Wasser in den Bereich der Dose geschüttet hätte. Vom Personal wurde sogar diskutiert, den Eisenzaun unter Starkstrom zu setzen. Hat man jedoch schnell verworfen, da hier in Kairo keine Elektrik dauernd und sicher funktioniert.
Die Orgel nun hat ihr erstes Lied gesungen und wir waren alle dabei in ein ägyptisches Weihnachtsgefühl befangen, das uns Stille und eine ruhige Besinnung verheißen sollte, wäre da nicht ein Zerberus, der uns die hier in Kairo allgegenwärtige Hölle nicht nur symbolisch dauerhaft ins Ohr gebellt hätte.
Also wir sind aus dem Krach- und Lärmviertel der Nubarstreet, wie oben schon erwähnt, ins gehaltvollere Zamalek gezogen. Mit dem Erfolg, dass nun nicht mehr der Muezzin uns morgens um 4Uhr30 aus dem Bett bläst über seine tonbandgesteuerten Gebetsaufrufe, sondern dies tut jetzt der dreiköpfige Zerberus, eine Hundedreigespann über den Dächern Kairos, das den ganzen Abend bis zur Erschöpfung bellt und unseren Seelen so die Anwesenheit in der Hölle nicht vergessen machen will. Wir haben Pluto bereits ein Ultimatum gestellt und sind gespannt, wie sich alles weiter entwickelt.
Am Samstag also haben wir in der Kirche eine Stunde Orgelvorführung und wir können eines ganz bestimmt versprechen: eine solche schöne Viola di Gamba 8', wie wir sie jetzt vorführen können gibt es mit Sicherheit in ganz Afrika nicht mehr und wie ich meine nur sehr, sehr wenige im Tartaros. Und das ist von Kairo ausgesehen der Westen, den man nicht nur der untergehenden Sonne wegen als Unterwelt bezeichnete, sondern tatsächlich empfinden diese Menschen hier in Ägypten ihre Weltvorstellung in scharfem Kontrast zu unserer Perspektive. Man sollte sich nicht täuschen lassen, wenn sich auch hie und da bei den Muselmanen Konsum und Marktverhalten einstellen. Grundsätzlich ist das ihrem Charakter und Wesen nach total fremd. (gwm 08.12.11)
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Tagebuch04
Tagebuch05
Zum vorläufigen Abschluß unserer Arbeiten hier in Cairo treffen wir uns zu einem Abendessen mit Journalisten aus der Zeit, Tagesspiegel und Süddeutsche. Darunter Martin Gehlen, Thomas Avenarius und Sonja Zekri. Letztere wird uns vielleicht aus ihrem unmittelbaren Besuch in Syrien erzählen. Martin Gehlen hat einen klasse Artikel über Kairo soeben in der ZEITgeliefert. Frau Zekri ist mit sehr spannenden Artikeln über Ägypten und Lybien in der Süddeutschen vertreten und soeben kam mir ein Artikel unter "Über den Aufstieg der Islamisten, der die Frauen in Ägypten entzweit".
Wir haben heute die Altstadt von Kairo besucht und eigentlich zum allersten Male wirklich schöne Bilder von der Stadt einfangen können. Einige davon sind auf unserem Board weiter unten. Ganz großartig war der Besuch in der Amr-ibn-el-As-Moschee, eine der größten und ältesten Moscheen dieses Landes. Sie wurde 641 gegründet und macht einen durch und durch erhabenen Eindruck. Weniger stilecht die Synagoge und der Kitsch in manchen koptischen Kirchen erinnert an Rumänien, Südamerika oder Polen, dort eben, wo Glauben mit Fetisch und Hochglanz kopuliert.
Das Land und die Stadt wird für uns spannend bleiben, da wir ab 4.Jan. wieder anreisen werden und weitere 3-4 Monate unsere Steine den Berg hinaufrollen werden, wie es eben Sisyphos beschieden ist. Aber, wie sagte schon Albert Camus: ... man muss sich Sisyphos glücklich vorstellen. (gwm 17.12.11 19:00)
Mit einer Handvoll Gambenklänge aus Opus 1668 in Cairo wollen wir uns bei allen treuen Lesern und Freunden hier auf unseren Internetseiten für ihre dauerhafte Solidarität bedanken und ein schönes Weihnachtsfest wünschen. Bei uns geht es unmittelbar nach Weihnachten weiter im Takte des sehr angespannten Jahres 2011.
Dann werden die in ganz Deutschland zusammen gesuchten fehlenden Pfeifen verpackt und nach Nordafrika geschickt. Wenn Sie einmal so richtig von Kairo ausruhen wollen, so Sonja Zekri bei unserem Treffen im "Arabesque", einem der besten egyptian Restaurants,... dann gehen Sie in die Wüste, dort ist es ganz still. Und mir wurde gleich eine Gebrauchsanleitung mitgegeben, wie man dorthin kommt und wie lange man das alles aushalten könnte. "Wüste...", wie herrlich klingt das, wenn man 6 Wochen und mehr in dieser von Lärm und Müll verseuchten Stadt genervt wurde, beinahe wie ein Schnappen nach frischer Luft. Wobei ich aber dazu sagen muss, dass mich Kairo immer noch mehr reizt als jede deutsche Kleinstadt, wo die glatten Meinungen über Welt und Ausland die Stammtischler beflügeln.
So also klang unser Treffen vergangenem Montag aus, nachdem man sich durch den Tahrirplatz zwischen Demonstranten mit einem Taxi durchgequält hatte, um ins Restaurant zu gelangen. Inzwischen in Deutschland gelandet, wo man zwischenzeitlich übergegangen ist, die betriebseigene Langeweile vor Weihnachten mit Wulffschen Entschuldigungsritualen zu garnieren. Hier unsere Gambenklänge [10.095 KB]
mit ein paar letzten Worten. Dez.2011
Cairo - die Mutter aller Städte
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